Elke aus dem Moore

Urbanisierung und die Verhandlung des öffentlichen Raums: Zukünftige Erinnerungen


The idea here is not the designation of certain versions as erroneous and the upholding of others as more factual and correct, but rather to appreciate that memory work can never be total or complete. According to Joyce Nyairo memory, like a broken mirror from which we glean only partial images, fragments or shards, must be read as only being capable of constructing in parts. Because memory is partial, it brings with it error which sometimes comes because memory is also necessarily about forgetting. […] The key function of memory, then we realize, is the establishment of shared memories, the insistence on shared experiences in the past, which works to bind communities to the present.

Peter Wafula Wekesa

Die Konferenz FUTURE MEMORIES – An international conference on art, public space, and the culture of memory wurde vom ifa – Institut für Auslandsbeziehungen gemeinsam mit der Alle School of Fine Arts and Design der Addis Abeba University konzipiert und organisiert, um Fragen nach öffentlichem Raum, Erinnerungskultur und die Verbindung zwischen Kunst und Öffentlichkeit aus afrikanischen Perspektiven zu debattieren.

Die Welt erlebt einen Wandel hin zur Urbanisierung, und die Städte werden heute von enormen architektonischen, sozialen und stadtpolitischen Wandlungsprozessen geprägt. Das Potential künstlerischer und kritischer Diskurse, die auf diese weltweite Entwicklung bezugnehmen, wurde auf der Konferenz ins Zentrum gestellt. In verschiedenen Formaten wurde die gesellschaftliche Bedeutung der visuellen Kunst für die Wissensproduktion und die Mitgestaltung dynamischer Transformationsprozesse in städtischen Räumen veranschaulicht.

Auch Addis Abeba zählt zu den Städten, die sich rasant verändern, wachsen und ökonomisch erstarken. Das Versprechen der Stadt löst enorme Migrationsbewegungen aus, die Binnenmigration steigt stetig. Gewachsene Siedlungen müssen zugunsten der Vorhaben internationaler Investoren weichen. Dies löst verheerende Veränderungen im Wohnungsangebot aus aber auch in der Lebensweise der Stadtbevölkerung. All diese Veränderungen werfen eine Menge Fragen auf. Wer reagiert auf diese Veränderungen? Welche Rolle spielen die Bewohner_innen der Stadt mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen? Was bewirkt Kunst in diesem Kontext? Welche Wechselwirkungen gehen Kunst und Öffentliches ein? Was passiert, wenn Künstler_innen die Initiative ergreifen, auf diese Prozesse eingehen und Ideen entwickeln? Wie sehen diese aus, und kann sich eine kommunale Regierung diese zu Nutze machen?

Wir sind weltweit mit der Situation konfrontiert, dass der öffentliche Raum zu einem stark umkämpften Ort geworden ist; hier verleihen die Zivilgesellschaften ihrem Unmut Ausdruck. An vielen Orten dieser Welt lässt sich das verfolgen, in Hamburg, Istanbul, Kairo, Sao Paulo, auch in Addis Abeba. Die Kritik der Bevölkerung richtet sich gegen eine Stadtplanung, die eine gesellschaftliche Teilhabe an den Entscheidungsprozessen kaum vorsieht und wirtschaftliche Interessen klar priorisiert. Formulieren Künstler_innen, Architekt_innen und Teile der Zivilbevölkerung Gegenvorschläge zu diesen normativen stadtplanerischen Maßnahmen, die gewachsene soziale Strukturen unberücksichtigt lassen, fordern sie damit eine Stadtplanung, die den Erhalt gemeinsamer Plätze als Orte des Austauschs und der Begegnung, des kollektiven Erzählens und Erinnerns vorsehen, – eine Stadtplanung die die Differenzen in der urbanen Bevölkerung einbezieht und auch Orte zulässt, die keiner Nutzungspflicht unterliegen.

Spielen die Kriterien der Ökonomie und der Repräsentation eine wesentlich wichtigere Rolle als die Lebensqualität der Stadtbevölkerung, so droht auch die gewachsene historische Bedeutung öffentlicher Plätze zunehmend zurückgedrängt zu werden. Folgt man den Raumtheorien von Henri Lefebvre, Michel Foucault oder auch Arjun Appadurai, können wir Raum als eine „beständige Aushandlung einer relationalen (An)Ordnung von Körpern, begreifen, welche unaufhörlich in Bewegung sind, wodurch sich die Anordnung selbst ständig verändert“1. Räume, so Christiane Reichart-Burikukiye, sind Ergebnisse sozialer Praxis und Schauplätze von Geschichte, die bestimmten Dynamiken und Repräsentationsinteressen unterworfen sind. Sie stellen keine unveränderliche Kulisse für historische Akteure und Ereignisse dar, sondern werden von Akteuren gestaltet, die auf diese Weise eigene Welt-Bilder produzieren. Öffentliche Räume sind flexibel, veränderbar, umstritten und umkämpft; sie werden ausgehandelt, angeeignet, und in ihrer Anordnung immer wieder neu gedeutet. Sie sind Orte der kollektiven Identität. Sie erzählen vom Selbstverständnis einer Gesellschaft, von den Beziehungen der Menschen untereinander und zu anderen Gesellschaften und vom Verhältnis zur eigenen Geschichte. Sie sind auch Orte der Imagination, Orte, an denen Herrschaftsansprüche hinterfragt, Gegenentwürfe formuliert und mögliche Zukunftsvisionen entworfen werden. Deshalb haben diese Orte einen hohen symbolischen Wert.2 Kollektive Identität stellt sich laut Reichart-Burikukiye also ganz wesentlich über den Bezug zu einem Raum her, zu einem Ort, der das kollektive Erinnern symbolisiert. Städte, Gebäude oder auch einzelne Objekte – Kunstwerke, Mahnmale, Gedenkstätten oder  landschaftliche Elemente – werden zu Symbolen gemeinsamer Erfahrung bzw. gemeinsamer Imagination. So werden Orte aus ihrer unbestimmten Profanität herausgehoben und mit der Kraft der symbolischen Chiffre versehen. Der Prozess des kollektiven Erinnerns durch das Errichten von Gedenkstätten oder Mahnmalen sowie das Ausstellen von Kunstwerken im Stadtraum unterliegt verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Dynamiken. Wie sich die Formen gesellschaftlicher Erinnerung wandeln können, zeigen die Veränderungen im Stadtbild nach politischen Umwälzungen. Es ist eine gängige Praxis, nach Regierungs- oder Systemwechseln auch die Orte der Erinnerung neu zu besetzen, allerdings oft mit Zerstörung einhergehend.

Erst recht ist die gemeinschaftliche Erinnerung in einem transnationalen Kontext eine große Herausforderung, wenn sie sowohl vergangene Konflikte – an denen etwa die Geschichte Europas überreich ist – in aller Deutlichkeit benennt, in zivilen Formen bearbeitet und die Themen der Gegenwart mitaufgreift. Themen der gemeinschaftlichen Erinnerung im europäischen Kontext sind vor allem das Gedenken an den Holocaust und die Staatsverbrechen der sozialistischen Regimes, aber auch das Gedenken an die europäischen Kolonialverbrechen und die Erinnerung und Reflektion der Migrationsbewegungen nach und innerhalb Europas. Obwohl es dazu zahlreiche Bemühungen gibt, vermissen wir doch das Erinnern an einen erheblichen Teil der deutschen Geschichte.3 Denn die Verbrechen des Kolonialismus sind in Deutschland noch immer nicht mit angemessenen Mahnmalen und Gedenkstätten sichtbar und daher nicht ausreichend als Teil kollektiver Erinnerung präsent.

Die Frage nach dem Gedenken an den Kolonialismus in Europa und insbesondere in Deutschland führt zwangsläufig zur Frage, welche Ereignisse im afrikanischen Kontext öffentlich erinnert werden und welche Rolle die Kunst für öffentliche Räume in den Großstädten spielt. In diesem Kontext entwirft Achille Mbembe eine interessante Vision, Orte der pan-afrikanischen Utopie und des kritischen Erinnerns zu schaffen, an denen der Kolonialismus zu Grabe getragen wird.

Ich schlage vor, dass wir in jedem afrikanischen Land alle kolonialen Statuen und Monumente sorgfältig erfassen. Diese versammeln wir dann in einem einzigen Park, der künftigen Generationen als Museum dienen soll. Dieser pan-afrikanische Museums-Park soll das symbolische Grab des Kolonialismus auf unserem Kontinent sein. Sobald wir diese Beerdigung durchgeführt haben, wollen wir uns versprechen, niemals wieder irgendjemanden Statuen zu errichten. Stattdessen wollen wir überall Bibliotheken, Theater, Kulturzentren bauen – alle Dinge, die von diesem Tag an unser zukünftiges kreatives Wachstum nähren werden.4

Achille Mbembe

Im Rahmen der Konferenz FUTURE MEMORIES wurden öffentliche Erinnerungsräume im afrikanischen Kontext vorgestellt und die Rolle der Kunst in der Gestaltung dieser Räume reflektiert. Das ifa, als einer der die Konferenz ausrichtenden Partner, macht sich zur Aufgabe aktuelle gesellschaftliche Fragen aus unterschiedlichen internationalen Perspektiven zu beleuchten. Der Schwerpunkt liegt in der Kunst und dem internationalen Kunstaustausch in Form von Ausstellungen, Konferenzen, Förder- und Austauschprogrammen. Ein zentrales vom ifa wiederholt in den Fokus gerücktes Thema ist die Urbanisierung und die Wertbemessung von städtischem Raum. “Die Welt wird Stadt” heißt eines seiner Ausstellungen, die sich mit fortlaufenden Urbanisierungsprozessen und den wachsenden Megacities wie Johannesburg, Lagos, Istanbul, Mexiko City, Sao Paulo beschäftigt. Die weltweit tourende ifa-Ausstellung “Post-Oil City” wirft Fragen der Städteplanung nach dem Versiegen der nachwachsenden Energien auf und wurde in Addis Abeba in Kooperation mit dem Goethe-Institut im Museum für moderne Kunst/Gebre Kristos Desta Center und in Bahir Dar gezeigt, darüberhinaus an weiteren Orten weltweit. Diese und andere Ausstellungen, Workshops und Konferenzen haben am fortlaufenden Diskurs zur Urbanisierung der Welt teil und versuchen die Fragen zu formulieren, diee auf die gesellschaftlichen Veränderungen eingehen, die weltweit stattfindende Prozesse der Urbanisierung mit sich bringen, und wie man der zunehmenden einhergehenden Exklusion entgegentreten kann.

Die Konferenz FUTURE MEMORIES fand in Addis Abeba statt, der Stadt, in der die Afrikanische Union (AU) Ihren Sitz hat. Die Bundesrepublik Deutschland überreicht 2015 der AU das Gebäude für Frieden und Sicherheit als Geschenk. Zu diesem Anlass entsteht ein Kunstwerk, das den Geist der 1963 gegründeten AU ausdrückt. Das ifa, durch zahlreiche Projekte in den afrikanischen Kunstszenen gut vernetzt, wurde vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland damit betraut, das Kunstprojekt für das Gebäude zu begleiten. Im Rahmen dessen wurde die Konferenz FUTURE MEMORIES gemeinsam mit der Alle School of Art, Addis Abeba konzipiert und durchgeführt und vom Auswärtigen Amt finanziert. Im Anschluss an die Konferenz fand die Jurysitzung statt, bei der die Wahl auf den nigerianischen Künstler Emeka Ogboh fiel. Die Entscheidung der Jury hat in der Diskussion zur Kunst an öffentlichen Orten ein entscheidendes Signal gegeben. Ogbohs künstlerische Praxis formuliert eine eindeutige Absage an das Monumentale – an die Manifestation von Erinnerung in Monumenten – und so ist die Entscheidung der Jury tatsächlich auch durch die beeindruckenden Diskussionen im Rahmen der Konferenz FUTURE MEMORIES informiert worden und gleichsam eine Fortschreibung dieses transafrikanischen Diskurses mit anderen Mitteln.

FUTURE MEMORIES Konferenz, Addis Abeba, 16. September 2014.


Fußnoten

1 Martina LÖW: Raumsoziologie (2001), 131.
2
Vgl. Christiane REICHART-BURIKUKIYE: „Erinnerungsräume und Wissenstransfer“ (2008),17.
3
Vgl. die deutsche Kulturstiftung des Bundes förderte ein großes Forschungs- und Ausstellungsprojekt, Projekt Migration; in Hamburg erinnert ein Museum an die kontinentalen und interkontinentalen Migrationsbewegungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen; Erinnerungskultur an die Verbrechen des Naziregimes in Deutschland ist weit verbreitet und öffentlich diskutiert: so hatte die Auseinandersetzung zu Holocaust-Mahnmal in Berlin große öffentliche Debatten ausgelöst.
4
Vgl. Achille MBEMBE zit. in: Dominique Malaquais: „Monumentalversagen“. In: Chimurenga Chronic 2014 (deutsche Ausgabe), 48.

Zitierte Werke

Die Welt wird Stadt. Stadtbilder aus Asien, Afrika und Lateinamerika [Aust.-Kat.]. Berlin 2005. 
LÖW, Martina: Raumsoziologie. Berlin 2001.
MALAQUAIS, Dominique: „Monumentalversagen“. In: Chimurenga Chronic [dt. Edition] 2014, 46-48.
REICHART-BURIKUKIYE, Christiane: „Erinnerungsräume und Wissenstransfer“. In: SPEITKAMP, Winfried (Hg.): Erinnerungsräume und Wissenstransfer. Beiträge zur afrikanischen Geschichte. Göttingen 2008, 11-34.
WAFULA WEKESA, Peter: „Negociating ‚Kenyanness’: The ‚Debates’.“ In: Wa-MŨNGAI, Mbũgua and Georges GONA (Hg.): (Re)membering Kenya: Identity, Culture and Freedom. Nairobi 2010, 50-71.
Post-Oil City. Die Stadt von morgen [Aust.-Kat.]. Berlin 2011.
The History of the City’s Future, 2011.
Elke aus dem Moore ist seit 2008 Leiterin der Abteilung Kunst am ifa – Institut für Auslandsbeziehungen. Sie ist für internationale Ausstellungen und Förderprogramme zuständig. Zuvor war sie künstlerische Leiterin des Künstlerhauses Stuttgart und Kuratorin der Shedhalle in Zürich. Sie rief die Kunstplattform prêt-à-partager ins Leben, die sich mit Kunst, Mode und Kunst im öffentlichen Raum in verschiedenen afrikanischen Städten befasste. Sie ist außerdem die Initiatorin und Herausgeberin der Zeitschrift contemporary and [C&], ein online-Magazin und virtueller Kunstraum zu aktueller Kunst, wie sie aus afrikanischen Perspektiven gesehen wird, und Herausgeberin des online-Magazins Nafas zur aktuellen Kunst aus dem islamischen Raum.

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