N’Goné Fall

Ich hatte einen Traum

Diese Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten.
Jede Ähnlichkeit mit realen oder fiktiven Personen ist beabsichtigt

Dakar, Mai 2008
Donnerstag, 2 Uhr

Stille.

Endlich ist er das Gefolge seiner Höflinge und Sonderberater los. Er war nach Abhaltung transparenter Wahlen an die Macht gekommen und hatte gehofft, dass seine Regentschaft eine Welle der Demokratisierung in Afrika einläuten würde. Die neue Epoche wollte er mit einem Werk versinnbildlichen, das den Beitrag Afrikas für die Menschheit verkörpert. Er sitzt in seinem Sessel aus granatfarbenem Samt und schaut auf das Modell einer 50 Meter hohen Stele aus Glas herab. Auf zwei Seiten prangen in Kupferbuchstaben die Namen der größten Männer und Frauen der schwarzen Gemeinschaften weltweit. Durch ihre Ost-West-Ausrichtung spannt sie eine Brücke zwischen Afrika und seinen Kindern der Diaspora. Im Morgengrauen werden die ersten durch die Stele scheinenden Sonnenstrahlen die ruhmreichen Namen zum Glühen bringen und ihre lebendige Erinnerung bis in die kleinsten Winkel der Erde tragen. Und nach Sonnenuntergang wird der mächtige Strahl des Leuchtturms der Mamelles in seinem unermüdlichen Walzer die Ablösung übernehmen. Dieses Monument wird sein kleines Land auf die Bühne der großen Nationen, den Hütern des Welterbes, befördern. Er löscht das Licht und verlässt sein Büro. Es war richtig, sich für die Reinheit des Glases statt der Bronze zu entscheiden. Die Arbeiten beginnen in wenigen Stunden.

Es ist eine mondlose Nacht. Die Luft ist schwer von Sandstaub, verschleiert die Sterne und dringt in alle Körperöffnungen. Ein grauer Mantel überdeckt die Halbinsel Cap Vert. Der alte Leuchtturm von 1864 bei Pointe des Almadies ist in einen nebligen Heiligenschein gehüllt. Die zwei Hügel, die Mamelles, erinnern an das Hinterteil eines riesigen schwarzen Kämpfers, der in einem intergalaktischen Gefecht erschlagen wurde. Plötzlich brechen grelle blaue Strahler mit einem Brummen durch die Wolken. Ein 1.600 Meter langer ISD1 (Imperial Star Destroyer) landet senkrecht auf einer der Mamelles. Das Raumschiff ist mit 60 Turbolasern, 60 Ionenkanonen, 10 Traktorstrahlprojektoren und einem von zwei Türmen über der Kommandozentrale generierten Schutzschild ausgerüstet und gehört damit zu den Flaggschiffen der Flotte des Galaktischen Imperiums. Der ISD schwebt über Dakar, das in der senegalesischen Tourismuswerbung „Tor Afrikas“ getauft wurde, und versprüht die letzten Reste eines grauen Pulvers, das den freien Willen neutralisiert. Das Ziel ist narkotisiert.

In seiner Kommandozentrale im Inneren des Raumschiffs verfolgt der schädliche Dr. Evil2 den Ablauf der Operation auf den gigantischen Monitoren, die rundum alle Wände füllen. Mit dem versteinerten Gesicht einer unter Verstopfung leidenden Madonna streichelt er zärtlich über den felllosen Rücken seiner geliebten Perserkatze, dem heimtückisch unbeirrbaren Mr. Bigglesworth. Zischend öffnet sich eine automatische Tür aus drei Lagen bruchsicherem Glas und ein junger Mann schlendert lässig herein. Es ist der zukünftige Ex-lieber-Sohn des teuflischen Doktors.

Scott Powers3: Was machen wir hier?

Dr. Evil: Ich habe beschlossen, meine absolute Macht im Angesicht der Welt zu bekräftigen. Es wird keinen Krieg geben, keine Toten, keine Verwüstungen. Nur ein Denkmal. Ein Denkmal zu meinen Ehren. Monumental. Ich mache endlich einen alten Traum wahr. Wäre ich Bildhauer, ich würde drei Figuren mit offenen Armen aufstellen, wie vor einer Umarmung. Zwei sind höher platziert, Europa und die USA sind näher beieinander. Die dritte Gestalt, Afrika, steht weiter weg, sie strahlt Reinheit aus, strotzt vor Kraft und breitet auch die Hände aus.4 Sie strecken alle ihre Arme nach mir aus, dem Herrn der Welt. Ich habe mit Ousmane5 darüber gesprochen, aber seinem Entwurf fehlte der Biss. Er war gekränkt, dass ich ihn verändert habe. Diese Peuls sind so empfindlich! Jedenfalls habe ich dann Virgil6 kontaktiert. Der Vorteil mit den früheren Block-Bürgern ist, dass sie Befehle ausführen, ohne zu diskutieren. Außerdem, sie kennen sich mit Größe, mit der Sprache der Macht aus. Sein Entwurf war nicht schlecht. Er hat die drei Kontinente durch eine Familie ersetzt. Die Familie ist ein sicherer Wert, ein Symbol, das wirklich jeder Idiot versteht. Ich habe seinen Entwurf ein wenig überarbeitet. Also, das Denkmal wird keine drei Kontinente darstellen – Kontinente sind mir als Herr der Welt völlig egal. Aber unsere Familie: mich, meine liebe Frau Farbissina7, „die Spielverderberin“, und dich Scotty, mein Sohn. Diese herrliche Dreifaltigkeit verkörpert unsere unangefochtene Macht!

Scott Powers: Und du glaubst, du kannst die Welt mit einem Denkmal in Schach halten?

Dr. Evil: Ich bin hier der Große Meister! Diese Statue wird die ganze Welt buchstäblich erstarren lassen. Und dann, und dann, und dann: Warum nicht die Gunst der Stunde nutzen, um einen großen toten Brocken unschädlich zu machen? Meine Herrschaft festigen, vielleicht um ein Exempel zu statuieren? Es wird eine starke Signalwirkung haben: Wer es wagt, Dr. Evil zu ärgern, wird für alle Zeiten lächerlich gemacht! Die ranzige Ausdünstung der Erniedrigung wird sich in den Eingeweiden eurer Ländereien festsetzen und bis ans Ende der Tage an der Haut eurer Völker kleben.

Am einen Ende der Kommandozentrale brüllt ein kleiner Mann mit Sonnenblumenteint Befehle von einer Plattform und verfolgt starren Blicks den Countdown eines riesigen Chronometers. Unten steigen aufgereiht kleine Arbeiter, ebenfalls mit Sonnenblumenteint, im Takt von einer imposanten Brücke, andere betätigen Kräne, an denen gigantische Bronzeteile hängen.

Scott Powers: War es wirklich nötig, die Nordkoreaner ins Boot zu holen8?

Dr. Evil: Aber ja! Sie sind ungeheuer diszipliniert, schnell und billig. Genaugenommen hat mich das Vorhaben nichts gekostet. Für ihre Dienste haben sie Land bekommen. Man muss ja irgendwo sparen. Und in diesen Zeiten der Globalisierung ist es ja mittlerweile üblich, die Arbeitskräfte einzusourcen. Es ist eine Win-Win-Partnerschaft.

Scott Powers: Brauchst du wirklich so viel Bronze?

Dr. Evil: Es sind nur 53 Meter. Ich wollte es größer haben, aber das hätte die Stabilität des Denkmals gefährdet, das wollte ich nicht riskieren … Vom Atlantik wehen raue Winde.

Scott Powers: Aber warum dann ausgerechnet auf die Halbinsel?

Dr. Evil: Weil es für ein starkes Symbol einen symbolischen Ort braucht! Das Zentrum der Welt für den Herrn der Welt! Der Nullmeridian bestimmt die Weltzeit, das ist doch klar. Ich hätte mich auch am Äquator festbeißen können, aber diese Halbinsel, dieses einzigartige Stückchen Erde ist der westlichste Punkt des afrikanischen Kontinents und bietet beiden, der Neuen und der Alten Welt die Stirn. Außerdem, Dakar kennt jeder! Alte Hauptstadt des französischen Kolonialreiches, Nachschubhafen auf der Indienroute ums Kap der Guten Hoffnung, lebenswichtiger Zwischenstopp für die transatlantischen Flüge der legendären Aéropostale, die Rallye, die erste Biennale für zeitgenössische Kunst südlich der Sahara, die Frauen mit ihrem wiegenden Gang. Dakar lässt jeden träumen!

Scott Powers: Alles schön und gut, aber sind die Afrikaner über dein Projekt informiert?

Dr. Evil: Ja sicher doch! Auf dem letzten Internationalen Kongress der Anonymen Kahlköpfe habe ich einen ihrer Oberhäupter getroffen. Als er „Afrikanische Renaissance“ aus meinem Mund hörte, funkelten seine Augen. Er konnte seine Kollegen im Handumdrehen überzeugen.

Scott Powers: Afrikanische Renaissance? Ich dachte, dass dieses Monument deine Herrschaft festigen und sie zugleich ausschalten sollte …?

Dr. Evil: Ach Scotty, streng endlich einmal dein Hirn an! Es war viel leichter, mich als mächtiger Verbündeter auszugeben, um das Denkmal bei ihnen aufzustellen. So verliere ich keine Zeit; ich erspare mir einen vernichtenden Krieg und muss mir nicht schon wieder das Zetern der bestürzten Jungfrauen dieser Bande von Schaumschlägern des sogenannten Rats der Utopischen Nationen anhören. Ha, ha, ha! Sie glauben tatsächlich an diese verfluchte Renaissance! Sie sind schon seit Jahrhunderten völlig erledigt. Von ein paar Slogans und Denkmälern zu Ehren ihrer Völker wird es wohl kaum aufwärtsgehen. Ich musste keine langen Reden halten, um sie zu überzeugen.

Er reicht seinem Sohn das Projektfaltblatt. Scott Powers blättert es durch und seine Augen weiten sich immer mehr. Dort ist zu lesen: Das 50 Meter hohe Bronzedenkmal wird auf einer der hundert Meter hohen Mamelles stehen. Von dieser Anhöhe wird es die Halbinsel von Dakar beherrschen und den Atlantischen Ozean überragen. Das Denkmal kündigt die Rückkehr Afrikas auf der großen Bühne der avantgardistischen Projekte an. Der schwarze Kontinent leistet, an der Brust der Geschichte genährt und dank seiner glanzvollen Kulturen, mit Frieden im Gepäck und zurückgewonnener Geistesgröße seinen Beitrag zum Festmahl der Geschichte.9

Dr. Evil: All diese Konzepte haben sie zu Tränen gerührt. Ich bin eine Kommunikationskanone, ich bin super-brillant!!!

Zum Zeichen eines extremen mentalen Glücksgefühls überzieht sich Dr. Evils Gesicht mit einer dünnen Schweißschicht. Scott Powers hebt die Augen und stößt einen langen Seufzer aus, als Mini-Me10 ihm einen bösen Blick zuwirft.

Scott Powers: Und ihr Oberhaupt hat die Idee mit der Familie als Symbol für die Afrikanische Renaissance akzeptiert?

Dr. Evil: Ich habe ihm das Modell einer Bronze-Stele gezeigt, auf der die Namen all ihrer Stammesoberhäupter in Kupferlettern prangen. Es wird also eine Überraaaschung!

Scott Powers: Ein Pakt mit Dr. Evil … Kaum zu glauben, dass sie dir vertrauen!

Dr. Evil: Aber Scotty, sie stehen doch noch alle unter Schock, weil sich der Herr der Welt für ihre Sache stark macht. Warum sollten sie Zweifel haben? Es sind arme Afrikaner! Seit Jahrhunderten bringen ihre Kulturen Wesen mit primitiven Hirnen hervor. Es weiß doch jeder, dass das Goldene Zeitalter, dem Afrika die ganze Zeit nachtrauert, einfach deshalb niemals wiederkehren wird, weil es nie eins gegeben hat,11 wie unser Freund Sarko sagt. Man muss ihnen nur eine Gelegenheit geben, sich in Selbstzufriedenheit zu wälzen, und schon ist das Geschäft besiegelt. Fliegen fängt man nicht mit Essig. Wir haben uns in bester Laune geeinigt. Es gab keinen Krieg, keine Toten, keine Verwüstungen. Du solltest zufrieden sein, ich habe Menschenleben verschont.

Scott Powers: Du bist wirklich voller Abneigung gegen diesen Kontinent.

Dr. Evil: Ganz und gar nicht! Aber ich mag Arme nicht. Leider gibt es hier nichts anderes – ein echter Bremsklotz für den Fortschritt der Welt.

Scott Powers: Und deshalb wendet die Familie dem Kontinent den Rücken zu?

Dr. Evil: Genau! Ich schmeichele dem Ego dieser Sich-selbst-Überlassenen und demütige sie auf eigene Kosten. Das ist doch viel lustiger! Ein Denkmal der afrikanischen Renaissance, das den eigenen Leuten den Rücken zukehrt, das muss man erst mal hinkriegen! Ich gebe zu, es ist ein Geniestreich.

Scott Powers flüstert, während Mr. Bigglesworth ihm einen überheblichen Blick zuwirft: Sie werden sich vor aller Welt zum Narren machen.

Dr. Evil: Das sind sie schon, längst! Dieses Denkmal wird sie auf ihren angestammten Platz zurückverweisen. Der Dunkle Kontinent, auf immer erstarrt in Obskurantismus und Finsternis … Kaum zu glauben, aber diese Dumpfbacken glauben fest daran, dass ihnen dieses Denkmal eine Ära des Wohlstands bringen wird. Dass Horden von Bewunderern aus aller Welt angerannt kommen, um sich ihr glorreiches Outing anzusehen, dass sie Hotels für ihre Unterbringung bauen müssen, zur Beglückung der Touristen die Nippes-Produktion ankurbeln und einen Haufen Jobs für die jungen Leute schaffen, denen dann keine Zeit mehr bleibt, Autos abzufackeln und Joints zu rauchen. So können sie ganz nebenbei und kostengünstig auch das Problem der sozialen Missstände lösen. Alle haben Arbeit. Das Volk ist glücklich. Die Wirtschaft boomt. Sie sind sich so sicher, dass das Geld in Strömen fließen wird. Dass die ganze Welt sie bewundern und achten wird.

Die Hand um seinen Kuli gekrallt, zeichnet Mini-Me sorgfältig ein großes geborstenes Herz gleichsam als Schlusspunkt dieses schönen Märchens.

Scott Powers: Die jungen Leute … Der Junge auf dem Arm seines Vaters, der wird anscheinend wie eine Opfergabe dem Abendland entgegengestreckt. Dieses Kind, die Zukunft des Kontinents, deutet mit dem Arm nach Westen!

Dr. Evil: Ja, ganz genau. Der Kleine winkt seinen Brüdern der Diaspora zu.

Scott Powers: Es sieht eher so aus, als würde er versuchen, mit seinen Eltern in den Westen zu fliehen. Glaubst du wirklich, dass diese Idee vom Eldorado noch aktuell ist?

Dr. Evil: Sie werden nirgendwo hingehen. Sie stecken im Elend fest, die Füße auf ewig in Lavablöcken einzementiert. Die Armen hängen am Tropf der Hoffnung, das hält sie am Leben. Die Hoffnung, mein lieber Scotty, ist die Suppe der Armen und Hungernden, die nicht die Kraft haben, eigene Ideen zu entwickeln und Revolutionen zu schmieden. Sie hält die Massen davon ab, sich in die wirklichen Dinge einzumischen. Ich bin der Herr der Welt und dieses Meisterwerk ist die Verkörperung meiner Macht.

Scott Powers: Meisterwerk?! Sie werden sich niemals mit diesem Ding identifizieren!

Dr. Evil: Sie haben keine Wahl. Ihr Oberhaupt ist ganz aus dem Häuschen, seitdem er weiß, dass diese Statue die höchste Afrikas sein wird. Er ist fast in Ohnmacht gefallen, als ich ihm sagte, dass sie ins Guinnessbuch der Rekorde kommen und er, der Hüter des Symbols der afrikanischen Renaissance, Unsterblichkeit erlangen würde. Er hat eine herrliche Ode an die afrikanische Renaissance12 verfasst, die Generationen schwarzer Pimpfe bei jeder Gelegenheit im Chor schmettern werden. Und für den Betrieb des Monuments hat er eine Stiftung gegründet, die seinen Namen trägt, um sich die geistigen Eigentumserlöse zu sichern. Dumm ist er nicht, er ist ja nicht umsonst Oberhaupt, denn er hat noch größere Pläne. Die Einweihung des Denkmals soll durch Mondo-Vision in die ganze Welt übertragen werden. Und alle Staatsoberhäupter der großen westlichen Nationen sind live dazu geschaltet und kommentieren die symbolische Tragweite und Schönheit des Monuments. PR gratis und internationale Anerkennung dazu.

Scott Powers: Niemand wird zur Einweihung einer solchen Abscheulichkeit kommen!

Dr. Evil: Es ist keine Abscheulichkeit, es ist ein teuflisches Projekt, das sich ein alles überragendes Wesen ausgedacht hat, nämlich ich. Du hältst dich jetzt wohl für einen Kunstkritiker!

Scott Powers: Ich mag vielleicht der Generation Subkultur angehören, wie du sagst, aber dieses Ding da hat mit der hiesigen Kultur nichts zu tun. Das ist plumper Realismus. Vergiss nicht, sie sind hier die Meister der Abstraktion. Sie haben das Figurative transzendiert und die moderne westliche Kunst inspiriert.

Dr. Evil: Was erzählst du nur für einen Unsinn, Scotty? Wenn sie den Butterschneidefaden erfunden hätten, wüsste man davon. Du vergisst, dass der afrikanische Mensch nicht hinreichend in die Geschichte eingegangen ist!13 Hast du die Rede von Sarkozy in Dakar nicht gehört? Hast du was geraucht, Kleiner? Du redest Unsinn. Das macht mich wütend. Und wenn Dr. Evil wütend ist, verstört das Mr. Bigglesworth (miiiaaauuu). Und wenn Mr. Bigglesworth verstört ist … STERBEN DIE LEUTE!14

Draußen auf der Mamelle rennen reihenweise kleine Männer mit Sonnenblumenteint herum, während die Kräne die gigantischen Bronzeteile systematisch übereinanderstapeln. Das Denkmal beginnt Gestalt anzunehmen.

Scott Powers: Was hat die Frau da an ihrem Hinterteil?

Dr. Evil: Ihr Pareo, der im Wind flattert.

Scott Powers: Dieser Fummel hat doch gar nichts mit ihrer Modeindustrie zu tun. Da ist ein sehr dynamischer Sektor!

Dr. Evil: Dynamisch oder nicht, auf diesem Kontinent leben die noch wie Steinzeitmenschen. Die übrige Welt lässt sie aus reinem Mitgefühl das Gegenteil glauben.

Scott Powers: Und ihr Haar flattert wohl auch im Wind? Dein Realismus nervt, hast du jemals krauses Haar im Wind flattern sehen? Du hättest dir für die Frisur wenigstens ein Beispiel an Angela Davis nehmen können, damit sie halbwegs echt aussieht.

Dr. Evil: Jetzt drehst du völlig durch, Scotty! Ich nehme doch keine radikale Feministin zum Vorbild!

Scott Powers: Warum nicht, die Feministinnen vor Ort wären begeistert. Diese Frau hier hält sich zwei Schritte hinter ihrem Mann.

Dr. Evil: Aber so ist es doch in diesen primitiven Gesellschaften! Immer der Mann, der bestimmt und entscheidet. Du hast wohl noch nie einen Tarzan-Film gesehen, was?

Scott Powers: Man fühlt sich eher ins Reich der Sowjets versetzt. Mit dem Eisernen Vorhang im Hintergrund …

Dr. Evil: Ach … Zumindest waren die Dinge damals klar geschieden in Gut auf der einen und Böse auf der anderen Seite. Und sie waren so sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerstören, was für mich nur von Vorteil war, denn ich konnte mich darüber kolossal bereichern! Die Monumente im Ostblock beeindruckten die Massen und hielten ihren Respekt wach. Das waren gefürchtete Symbole!

Scott Powers: Genau, die Ästhetik des sowjetischen Realsozialismus. Eine Scheußlichkeit orientiert sich am Konzept der absoluten Zentralmacht und an freiheitsfeindlichen Staaten. Und ich dachte, dass mit Beginn des 3. Jahrtausends eine Welle der Demokratie den Kontinent erfasst hätte.

Dr. Evil: Weit gefehlt! Der Einfachheit halber versucht sich die Welt vom Gegenteil zu überzeugen, das ist alles. Die Renaissance, „die Rückkehr Afrikas“, entworfen von einem Rumänen und hergestellt von Nordkorea – das ist doch lustig, gib’s zu! Was machst du nur für ein Gesicht? Du hast wirklich keinen Sinn für Humor. Paris hat seinen Eiffelturm, warum sollten diese armen Teufel kein Recht auf ihre afrikanische Renaissance haben!

Scott Powers: Du schreckst wohl vor nichts zurück. Dieses Denkmal ist grotesk! Ein Abklatsch der Propagandakunst, die an die blutigsten Diktaturen erinnert!

Dr. Evil: So so, glaubst du wirklich, das seien alles Unschuldslämmer hier? Mein Prospekt hat vielleicht ihren Oberhäuptern eine Träne entlockt, aber die Wehklagen der Völker, die sie tyrannisieren, werden eines Tages die Ozeane zum Überlaufen bringen.

Ein dumpfer Schlag ertönt über der Mamelle. Dem Koloss wurde der Kopf aufgesetzt. Mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht schaut der kleine Mann mit dem Sonnenblumenteint von seiner Plattform herab. Das riesige Chronometer zeigt 0:00:00 an. Der Aufbau ist nach Plan verlaufen, auf die Sekunde genau.

Scott Powers: Sie können ja immer noch irgendeinen Christo bitten, das Denkmal zu verhüllen, bevor sie es eines Tages schleifen.

Dr. Evil: Nichts da. Dieses Denkmal lässt sich nicht auseinandermontieren. Außerdem hat es eine Lebensdauer von mindestens 1.200 Jahren. Das sagt jedenfalls die Baufirma!

Plötzlich erfüllt ein schrilles Pfeifen die Kommandozentrale. Mr. Bigglesworth hält die Beine durchgestreckt und miaut so erbärmlich, dass es einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wie versteinert kippt Mini-Me, die Hand immer noch um den Kuli gekrallt, mit dem Gesicht auf den metallenen Hallenboden. Soeben hat Tata Justice Madiba15, der unermüdliche Verteidiger der Ehre Afrikas, vor den Augen von Dr. Evil, Scott Powers und des Zwergs mit dem Sonnenblumenteint an Bord eines MC80-Sternkreuzers die Wolken durchbrochen. Seine mit Laserschwertern ausgerüstete Armee, der die namhaftesten Experten symbolischer Kunst und die Brigade des Guten Geschmacks angehören, taucht die ganze Halbinsel in ein blendend blaues elektrisches Licht. Das Denkmal, Dr. Evils Teufelswerk, fällt in sich zusammen und löst sich in Luft auf. Die kleinen Arbeiter mit dem Sonnenblumenteint rennen kreuz und quer durcheinander und verschwinden schließlich, alles andere als in Reih und Glied, im Bauch des ISD. MC8016 beschießt mit einem letzten blauen, grellen Laserstrahl das vermaledeite Raumschiff und katapultiert es an den Rand des Universums, von wo uns zuweilen, in mondlosen Nächten, das Echo des wütenden Miauens von Mr. Bigglesworth erreicht. Der Himmel klart auf. Zärtlich streicht der gleißend weiße Lichtstrahl des Leuchtturms der Mamelles über die Gestade des Atlantiks, während der erste Ruf des Muezzins von der Moschee de la Divinité in Ouakam erschallt.

*

Donnerstag, 20 Uhr.
Seit heute früh hält mich eine düstere Stimmung gefangen, die auch die heitere Frühlingssonne nicht vertreiben kann. Dieser Traum ist wirklich seltsam. Vom sowjetischen Realsozialismus zum Land der École de Dakar. Vom sowjetischen Realsozialismus zum Land der Ode an die freie Marktwirtschaft17? Ich bin voll im Delirium. Ich sollte die Finger von der Chilipaste lassen. Die verbrennt mehr als nur meine Eingeweide. Auf der Straße zum Flughafen, wo ich Freunde abhole, die die achte Biennale zeitgenössischer Kunst in Dakar besuchen kommen, werfe ich einen ängstlichen Blick auf die Mamelles. Der alte Leuchtturm, Symbol der in Richtung unserer Verwandtschaft jenseits des Atlantiks gewandten Hoffnung, leuchtet unentwegt, um den Schiffen in mondlosen Nächten den Weg zu weisen; er steht immer noch auf seiner Mamelle. Die andere Mamelle liegt einsam da, so wie immer.
Es war kein Traum. Es war ein Alptraum.
In Dakar ist alles beim Alten, und es wird auch so bleiben. Alles ist in Ordnung. In bester Ordnung.

Monument des afrikanischen Widerstands

Die Idee, ein Monument der afrikanischen Renaissance zu errichten, stammt von Abdoulaye Wade, dem Präsidenten der Republik Senegal. Die 53 Meter hohe Bronzestatue befindet sich in Dakar und krönt eine der 100 Meter hohen Mamelles. Der senegalesische Bildhauer Ousmane Sow legte einen ersten Entwurf vor. Am Ende entschied sich Präsident Wade jedoch für das Projekt des rumänischen Bildhauers Virgil Magherusan. Mit dem Bau wurde die nordkoreanische Firma Mansudae Overseas Projects Group betraut. Als Bezahlung erhielt sie ein 32 Hektar großes Grundstück am Meer in der Nähe des Léopold Sedar Senghor-Flughafens von Dakar. Das Unternehmen verkaufte das Grundstück an einen Bauträger und kassierte dafür rund 27 Millionen Dollar. Im April 2008 wurde mit dem Bau des Denkmals begonnen. Die Einweihung fand am 3. April 2010 im Beisein von mehr als zwanzig afrikanischen Staatschefs, des afroamerikanischen Pastors Jesse Jackson und einer offiziellen Delegation aus Nordkorea statt. Die Staatspräsidenten Obama (USA) und Sarkozy (Frankreich) nahmen die Einladung an der durch Mondo-Vision übertragenen Einweihungsfeier nicht an. Obwohl der senegalesische Staat sämtliche Kosten für den Denkmalbetrieb trägt, nimmt Präsident Abdoulaye Wade, der das geistige Eigentum an dem Monument der afrikanischen Renaissance für sich beansprucht, 35% der Erlöse über eine Stiftung ein, die seinen Namen trägt.

Übersetzung aus dem Französischen von Caroline Gutberlet.

Fußnoten

1 Star Wars, sehr erfolgreiches Sciencefiction- und Fantasy-Heldenepos, das sich der Filmemacher George Lucas 1977 ausdachte; besteht heute aus sechs Filmen.
2 Hauptfigur aus Austin Powers, dreiteilige Reihe von US-Actionkomödien, Austin Powers: International Man of Mistery (Das Schärfste, was Ihre Majestät zu bieten hat, 1997), Austin Powers: The Spy Who Shagged Me (Spion in geheimer Missionarsstellung, 1999) und Austin Powers in Goldmember (Austin Powers in Goldständer, 2002).
3 Sohn von Dr. Devil in der Serie Austin Powers.
4 Abdoulaye Wade: Un destin pour l'Afrique, Éditions Khartala, Paris, 1989. Auch http://www.gouv.sn/spip.php?article872.
5 Ousmane Sow, senegalesischer bildender Künstler.
6 Virgil Magherusan, bildender rumänischer Künstler.
7 Gattin von Dr. Devil in der Serie Austin Powers.
8 Die nordkoreanische Firma Mansudae Overseas Projects Group wurde von Abdoulaye Wade, President der Republik Senegal (2000–2012) beauftragt, das afrikanische Renaissance Denkmal in Dakar, Senegal zu errichten.
9 Die Einführung des offiziellen Dokuments der senegalesischen Regierung zur Vorstellund des Projekts.
10 Klon von Dr. Evil in der Serie Austin Powers.
11 Nicolas Sarkozy, Presidentder Republik Frankreich in einer Rede  an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar, 26 Juli 2007.
12 Hymne auf die afrikanische Renaissance, Text und Musik von Abdoulaye Wade, ehemaliger President der Republik Senegal (2000 – 2012). Musikbearbeitung Commandant Fallou Wade.
Aus unseren Dörfern, Städten und Vorstädten folgen sie dem Ruf des Vaterlandes.
Das ist Senegal!
Senegal! Senegal! (bis)
Kämpfer der Freiheit
Senegal! Senegal! (bis)
Vorwärts! Vorwärts! Vorwärts!
Vom Meer und vom Land, aus Savanne und Wald sind sie dem Ruf von Mutter Afrika gefolgt.
Das sind die Afrikaner!
Jungen und Mädchen, Arbeiter und Bauern, Eilen wir zur Rettung Afrikas herbei!
Das sind die Afrikaner!
Afrikaner! Afrikaner! (bis)
Kämpfer der Freiheit
Afrikaner! Afrikaner! (bis)
Vorwärts! Vorwärts! Vorwärts!
13 Nicolas Sarkozy, Presidentder Republik Frankreich in einer Rede  an der Universität Cheikh Anta Diop in
Dakar, 26 Juli 2007
14 Berühmter Satz von Dr. Evil in der Serie Austin Powers (1997).
15 Tata (Vater) Madiba, alias Nelson Mandela.
16 Mon-Calamari 80: Kriegsschiff der Jedis (die Guten in der Star Wars Serie).
17 Abdoulaye Wade, ehemaliger President der Republik Senegal von 2000 bis 2012, ist der Gründer und Generalsekretär der Senegalesischen Demokratischen Partei, eine Partei des rechten Flügels, die die freie Marktwirtschaft propagiert.
N’Goné Fall hat ihr Studium an der École Spéciale d'Architecture in Paris cum laude absolviert. Sie ist freie Kuratorin, Kunstkritikerin und Kulturberaterin. Von 1994 bis 2001 war sie Chefredakteurin des in Paris ansässigen Magazins für zeitgenössische afrikanische Kunst Revue Noire. Sie ist Herausgeberin mehrerer Sammelbände über zeitgenössische visuelle Kunst und Fotografie, darunter: An Anthology of African Art: The Twentieth Century (DAP, New York 2002), Photographers from Kinshasa (Revue Noire, Paris 2001), Anthology of African and Indian Ocean Photography: A century of African photographers (Revue Noire, Paris 1998). N’Goné Fall kuratierte Ausstellungen in Afrika, Europa und den USA, war Mitkuratorin der Biennale für afrikanische Fotografie in Bamako (2001) und beteiligte sich als Gastkuratorin an der Biennale in Dakar (2002). Als Kulturberaterin entwickelt sie Strategiekonzepte und Orientierungsprogramme und erstellt Evaluationsberichte für Kulturinstitutionen im Senegal und international sowie für Kunststiftungen. Sie ist Mitbegründerin des  Kollektivs GawLab in Dakar, einer Plattform für Kunstforschung und -produktion im öffentlichen Raum und für angewandte Technologie im kreativen Bereich.

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