Sari Middernacht

Addis Abbeba ist heutzutage nichts für Nostalgiker

Die neu erbaute Stadtbahn in Addis Abeba durchtrennt das Stadtbild  und zerstört historische Plätze, während Wohnblöcke und Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden schießen. Das Baufieber bedroht ganze Stadtviertel, die in Gefahr sind, niedergerissen zu werden. Man könnte sich fragen, warum die Hauptstadt einer mehr als tausend Jahre alten Kultur offenbar so sehr nach Modernität lechzt. Und, genauer, mit Blick auf das kulturelle Erbe, warum eine Nation, in der die Forderung nach Restitution von Denkmälern wie dem Obelisken von Axum, dem Löwen von Judah oder den Thronen von Kaiser Haile Selassie und der Kaiserin Menen Tradition hat – ähnlich wie die in den 1980er-Jahren von Mugabe erhobenen Ansprüche auf die emblematischen Steinvögel und deren Rückführung in die Ruinenstadt Groß-Simbabwe –, die Zerstörung historischer Orte und Objekte zugunsten der Stadtentwicklung zulässt.

Sind Menschen, die sich von Berufs wegen mit Kulturerbe beschäftigen, per Definition nostalgisch? In gewisser Weise ja. Daher ist es eine Herausforderung, durch Addis zu gehen und Zeuge dieser Eingriffe in den Stadtraum zu werden, wo einem die Zerstörung in die Augen springt. Gleichwohl schärft es den Blick und regt die kritische Reflexion über Fragen an, die mit Denkmalpflege und der ‚eingebauten‘ Erinnerung in rasch sich wandelnden Städten zusammenhängen. Aus dieser Perspektive betrachtet, wird Addis in eine Stadt der Kunstinstallationen verwandelt, wo historische Stätten bewusst durch die Moderne verhöhnt werden.

Wie zufällig zerstört das Stadtbahnprojekt – das als beste Lösung für die Verkehrsprobleme der Stadt gilt – manchmal physisch, aber immer optisch einige der symbolträchtigsten Plätze der Stadt: den Meskal Platz, den Platz vor La Gare, den Mexico Platz, die sich alle auf einer Achse im südlichen Teil des Stadtzentrums befinden, sowie den Abune Petros Platz etwas weiter im Norden. Die Bevölkerung von Addis Abeba sieht die Veränderungen in ihrer Stadt kritisch – nicht zuletzt Fasil Giorghis, Bekele Mekonnen und Michael Tsegaye, die uns während der Konferenz vor Augen geführt haben, was verschwunden ist und was an dessen Stelle entsteht.

Der Mexico Platz und der Abune Petros Platz sind beides historische Stätten, die an den äthiopischen Widerstand gegen die Invasion der italienischen Faschisten erinnern. Die Statue von Abune Petros, eines äthiopischen Bischofs, der 1936 von den Italienern – auf eben diesem nach ihm benannten Platz – hingerichtet wurde, weil er sich öffentlich gegen Kolonialismus und den Terror der italienischen Besatzer gewendet hatte, wurde wegen der Arbeiten an der Stadtbahn entfernt. Jetzt steht sie im Garten des Nationalmuseums, wenige Meter vom Olmec Kopf entfernt, der ebenfalls vom zerstörten Mexico Platz weggeschafft wurde. Dieser Platz symbolisiert das Bündnis zwischen Mexiko und Äthiopien, nachdem Mexiko Äthiopien dabei unterstützt hatte, während der Italienischen Besatzung vor dem Völkerbund Anklage zu erheben. Beide Statuen seien, wie es heißt, vorübergehend entfernt worden und sollen wieder an ihrem ursprünglichen Ort aufgestellt werden, sobald die Bauarbeiten beendet sind. Allerdings sind einige ihrer wichtigsten Bestandteile zerstört, beispielsweise der Mosaikbrunnen auf dem Mexiko Platz. Ein einzelner Flügel ist in den Garten der Alle School of Arts gebracht worden; er ist auf dem Poster für die FUTURE MEMORIES Konferenz abgebildet.

Flügel der Brunnenskulptur vom Mexico Platz, Garten der Alle School of Fine Arts and Design, Addis Ababa 2014, courtesy Alle School of Fine Arts and Design.

Zerstörung bedeutet „sichtbare Leere“ und ruft starke Reaktionen hervor; aber was ist, wenn Dinge unsichtbar gemacht werden?

La Gare, jener Bahnhof, den die Franzosen vor mehr als einem Jahrhundert erbauten, um Addis Abeba und den Hafen von Djibouti durch die Chemin de fer Djibouto-Ethiopien zu verbinden, liegt dem Löwen von Judah gegenüber und markiert das Ende einer der wichtigen Sichtachsen der Stadt – eine Art Denkmal für sich. Der Löwe, Symbol der Monarchie, der von den Italienern entfernt und später, in den 1960er-Jahren, wieder aufgestellt wurde, war während der Derg Revolution höchst umstritten; heute blickt er aus nächster Nähe auf den benachbarten Bahnhof.

Gambia Straße Ecke Ras Mekonen Straße in Richtung Rathaus, Addis Abeba.

Es besteht allgemein Einigkeit darüber, dass Denkmäler „atmen“ müssen, um in ihrer Umgebung angemessen wahrgenommen werden zu können; der sie umgebende Raum ist ebenso wichtig wie das Objekt selbst. Mit der Bahnlinie ist dieser Raum zum Atmen abgeschnitten. Das Denkmal ist blockiert. Die triumphale Pose des Löwen fällt in sich zusammen. Etwas weiter entfernt überquert die Hochbahntrasse dreist den Meskal Platz, bekannt als Versammlungsort für Festivals, politische Veranstaltungen, religiöse Feste und als Trainingsort für Sportler. Die Gleise verlaufen nahe am Balkon von Mengistu Haile Mariam vorbei, von dem aus er seine Reden hielt. Später wurde der Balkon zugemauert und ein Text auf Amharisch auf die Wand geschrieben. Auf Deutsch übersetzt: „Wir werden uns niemals durch extremistische Fantasien vom Weg der Wiedergeburt abbringen lassen!“ Da die Stadtbahn nun direkt vor dem Balkon entlangführt, schneidet sie ihn vom Rest des Platzes ab, der lebendig und geschäftig ist wie eh und je. Auf der anderen Seite des Platzes setzt das neue „Red Terror“ Martyrs’ Memorial Museum1 die unter Mengistus Regime verübten Gräueltaten ins Bild.

Indem sie den Balkon verdecken, scheinen die Stadtplaner es zu vermeiden, ihn tatsächlich zu zerstören, greifen aber statt dessen massiv in seinen Wirkungsraum ein, indem sie die Stadtbahn genau daran entlangführen. Ich betrachte das wie eine Installation zeitgenössischer Kunst, einen Versuch, den Ort zu profanieren. Liebhaber des Kulturerbes könnten das als Versuch interpretieren, einen Dialog herzustellen, ohne das alte unerwünschte Monument zu zerstören – wie Cynthia Kros das ausgedrückt hat. Die Idee kam ihr, als sie den neu errichteten südafrikanischen Freedom Park in der Nähe von Pretoria (Tshwane) mit dem //hapo Museum2 sah, das direkt vor dem Voortrekker-Denkmal, dem Denkmal der Burengeschichte, errichtet wurde.

Man kann eine gewisse Analogie zwischen Äthiopien, dem „unkolonisierten“ afrikanischen Land, und Südafrika, dem als letztem befreiten Land des Kontinents ziehen. Zweifellos sind beide Länder durch Revolutionen gezeichnet, bei denen das neue Regime die Helden des besiegten zerstören wollte, indem es das erbaute, was Khwezi Gule in seinem Beitrag „neue Monumente der Schicklichkeit“ nennt. Der Eifer, „Nie-Wieder“-Szenarien zu entwerfen, ist genau das, was einem im „Red Terror“ Martyrs’ Memorial Museum begegnet. Gule, Leiter des Hector Pieterson Memorial and Museum in Soweto, Johannesburg, hat uns nahegebracht, welche Herausforderung darin liegt, über die Vorstellung „Wir wissen, wogegen wir sind, aber noch nicht, wonach wir streben“ hinauszugehen, indem er auf das regelrechte Unbehagen innerhalb des ANC verweist, sich mit Erinnerungen auseinanderzusetzen. Er stellt die Frage, welche Botschaft das mitten in Soweto gelegene Hector-Pieterson-Mahnmal vermitteln soll. Spricht es die Sprache der Straße oder die Sprache der Macht? Und wie können Menschen, die im Laufe der Geschichte vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren, Zugang zum Prozess bekommen, aus dem sich „Erinnerungsorte“ entwickeln?

Öffentliche Denkmäler offenbaren die Kräfte, die (meistens) offizielle Geschichte(n) darstellen. Man könnte sich fragen: Fehlt es in der neu errichteten Stadt, die von der révolution de la modernité (um in der Sprache des DRC Regierungsprogramms zu sprechen, das in Städten wir Kinshasa in ebenso drastischer Weise umgesetzt wird) und der kapitalistischen Dynamik beherrscht wird statt von Königen, Kaisern und Revolutionsführern, an vergleichbar starken Individuen und Ideen? Und, falls ja, gibt es auch Raum für „blinde Flecken“, wie Cynthia Kros und George Pfruender dies nennen, indem sie sich Premesh Lalus akademischen und museologischen Aktivitäten anschließen, dem Ungehörten eine Stimme und eine Möglichkeit zu geben, sich auf eine Gemeinschaft von Erinnerungen statt auf eine gemeinschaftliche Geschichte zuzubewegen.

N'Goné Fall enthüllt neuere Desaster wie die Monumente der Alpha Oumar Konaré Ära in Bamako und das afrikanische Renaissance Denkmal in Dakar, während Stacy Hardys performance lecture bestätigt, welche Anstrengungen nötig sind und welche Fallen lauern. Wenn es aber nicht selbstverständlich ist, dass ein Raum für pluralistische Erinnerungen entsteht, wo können die Menschen dann Besitz von ihm ergreifen?

Die Beiträge auf der Konferenz erinnerten mich an die Forschungen des Architekturhistorikers Johan Lagae zu jüngsten Entwicklungen im Bereich der Denkmalpflege (insbesondere im postkolonialen Kontext), die sich der Tatsache stellen, dass „kulturelles Erbe in der Tat stets ein ‚soziales Konstrukt‘ ist, dem in einem dynamischen Prozess der (Wieder-)Aneignung und Aushandlung unterschiedliche Werte zugeschrieben werden“. Er akzeptiert ein solches „unabgeschlossenes und dynamisch entstehendes Erbe“ und betont damit, wie wichtig solche unabhängigen künstlerischen Initiativen sind, die sich im Alltag in ihrem Umfeld mit den unterschiedlichen Interessen an diesen Orten beschäftigen.3 Interventionen wie Ato Malindas Performances, Jimmy Ogongas Amnesia, die Rencontres Picha/Biennale de Lubumbashi und der Revolution Room, Marilyn Douala Bells Doual'Art und der Salon Urbain de Douala, Alya Sebtis Marakesh Biennale V und Doung Anwar Jahangeers CityWalk-Initiative sind sehr effektive Praktiken, die sich inmitten der Stadträume ereignen, derer sie gedenken und die sie feiern wollen, und leuchten interessante Möglichkeiten aus, auf Gleichschaltung zu reagieren.

Die Kunstproduktion in Äthiopien ist mit den genannten Initiativen durchaus auf gleicher Höhe. Die Künstlerin Mihret Kebede schafft sowohl in ihren eigenen als auch in den in Kooperation mit dem Netsa Art Village entstandenen Arbeiten überraschende Interventionen. Diese Initiative, eine grüne Oase auf einem von Addis bewaldeten Hügeln, ist ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Mit dem Anstieg der Grundstückspreise ist dieser grüne Ort, ebenso wie die heiteren Kaffee-und-Bier-Gärten um die Yohannis Straße, in Gefahr. Aber die Äthiopier scheinen einen starken Sinn dafür zu haben, den öffentlichen Raum zu teilen. Die Nachbarn des während der KLA ART 014 preisgekrönten Videokünstlers Mulugeta Gebrekidan ist ein Sinnbild dieses starken Willens und zeugt davon, wie selbst die Stadtbahn als milieu de mémoire4 funktioniert, wenn Nachbarn sich zu einer traditionellen Tasse äthiopischen Kaffees auf dem fast fertigen Bahnsteig versammeln. Gebrekidan bietet sogar den nostalgischsten unter uns eine Alternative zum Charme der Kopfsteinpflasterstraßen und hölzernen Balkone in der Gegend mit den besten Kaffeebars in Addis.

Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Klöckener.

Fußnoten

1 Siehe http://rtmmm.org (5.1.2015)
2 http://www.freedompark.co.za/elements-of-the-park/hapo (5.1.2015)
3 LAGAE, Johan: „Curating the city of Lubumbashi, DR Congo. On the „positionality” of architectural history in a postcolonial context”, Vortrag, internationales Symposium Architectural history as [applied] science, Leuven, 1 Oktober 2010 (Die Konferenz-Beiträge werden 2015 bei University Press Leuven herausgegeben).
4 Siehe http://www.contemporaryand.com/fr/magazines/this-work-tells-a-story-of-african-hybridity/ (10.1.2015) Um auf den weniger bekannten Begriff von Pierre NORA zu verweisen, ist der lieu de mémoire überflüssig, wenn Erinnerung von den Menschen bewohnt wird und ihre Handlungen die Erinnerung sind. Siehe die Einführung „La fin de l'histoire-mémoire“ zu: „Entre Mémoire et Histoire. La problématique des lieux.“ In: Les Lieux de mémoire, tome 1, La République. Paris 1984, XVII-XLII.
Sari Middernacht (1979, Belgien) ist Museologin und Kuratorin. Sie studierte Afrikanische Sprachen und Kulturen an der Universität Gent und an der Università degli Studi di Napoli «L'Orientale» (UNIOR), Italien. Von 2003 bis 2013 war sie am Königlichen Museum für Zentral-Afrika tätig (Tervuren, Belgium) und beteiligte sich zugleich freiberuflich an zeitgenössischen afrikanischen Kunst- und Literaturprojekten. Derzeit lebt sie in Lubumbashi und Johannesburg, wo sie an Kunst- und Forschungsprojekten sowie an Austauschprogrammen zwischen beiden Städten mitarbeitet.
 

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